INTERVIEW: MIA MORGAN – "Es geht wild zu, aber alle achten einander"

Von Sarah Weinberg| 2. April 2025

Am 21. März veröffentlichte Mia Morgan ihr neues Album "silber", aktuell ist sie mit der Platte auf Tour in Deutschland und Österreich. Im Interview haben wir mit der Musikerin unter anderem über das Album, die Tour und die Bedeutung von Social Media für sie als Künstlerin gesprochen.

Foto: (c) Can Wagener | @canwagener
Foto: (c) Can Wagener | @canwagener

OV: Hallo Mia, vielen Dank, dass du dir Zeit für ein paar Fragen nimmst. Glückwunsch zu deinem neuen Album! Wie geht’s dir in diesen Tag rund um den Release und deine Tour?

Mia: Es ist alles sehr überwältigend und viel, ich kann gar nicht richtig realisieren, dass es jetzt schon so weit ist. Ich freue mich, bin aber natürlich auch nervös. Musik zu veröffentlichen ist das eine, sie dann erstmalig mit einem Live-Publikum zu teilen, nochmal was ganz anderes.

 

OV: Mit welchen drei Wörtern würdest du „silber“ beschreiben?

Mia: Ich bei mir.

 

OV: Gibt es einen oder mehrere Songs von „silber“, die dir besonders am Herzen liegen? Wenn ja, was sind die Gründe dafür?

Mia: Alle liegen mir aus unterschiedlichen Gründen am Herzen. „Ein Herz aus Gold und Rosen" und „VaterMutterTochter" sind Songs, auf deren Writing ich stolz bin, bei denen ich gemerkt habe, ich habe dazugelernt, näher zu mir gefunden. „Niemand" und „(spielen mit den großen) JUNGS“ sind Songs, die insbesondere für Konzerte geschrieben wurden und mir live zu spielen extrem viel Spaß machen werden. Dann gibt’s noch „silbertablett", einer der wenigen meiner eigenen Songs, die ich selbst öfter höre, weil er so nahe an meinen üblichen Hörgewohnheiten ist und mich an die Musik meiner Jugend erinnert.

OV: Was hat sich im Vergleich zu deinem Debütalbum „FLEISCH“ bezüglich des Songwritings und/oder der Albumproduktion geändert?

Mia: FLEISCH ist zwischen Tür und Angel über einen Zeitraum von nahezu zwei Jahren an Wochenenden in Berlin entstanden, das hört man dem Album auch an. Weltliche Geschehnisse und meine damalige Situation haben einer kontinuierlichen Arbeit daran den Weg versperrt. Für silber haben wir uns wirklich über mehrere Wochen am Stück in einem Studio in Wuppertal eingeschlossen, haben uns ganz auf’s Werk fokussiert. Nicht wenige Songs sind im Studio überhaupt erst entstanden, bei FLEISCH saß ich auf dutzenden Demos. Für silber habe ich zusammen mit Lukas, dem Produzenten, auch viel mehr „am Stück“ gedacht. Wir hatten statt Demos eine Liste mit Ideen von wegen „Song, der so und so klingen soll“ oder „Song mit Schrei“ oder „Challengers Soundtrack“. Es war also eine wesentlich fokussiertere, konzentriertere Arbeit.

 

OV: Du bist vom 24.03. bis zum 08.04. mit deinem neuen Album auf Tour. Auf was dürfen sich die Leute freuen, was kannst und willst du schon verraten?

Mia: Meine Shows sind, hoffe ich, für Leute immer ein kleiner Riss in der Wirklichkeit, durch den sie in Gemeinschaft gehen und hinter dem sie für einen Abend einfach nur Spaß haben dürfen. Ich habe ein super schön diverses Publikum, von älteren Teenagern bis zu Leuten mittleren Alters, und das Gemeinschaftsgefühl auf den Shows erreicht uns bis zur Bühne - oder andersherum, denn auch wir auf der Bühne sind eine Gemeinschaft. Es ist also immer ein sehr herziges, aber auch lautes und wildes Erlebnis. Da die Songs alle etwas härter sind, gibt’s viele Momente, in denen man loslassen und sich einfach so zur Musik bewegen kann und soll, wie’s beliebt. Ich will auf meinen Shows in etwa das etablieren, was ich von Hardcore-Shows kenne, nur ohne das toxisch maskuline, mackerhafte: Es geht wild zu, aber alle achten einander und wertschätzen sowohl die Leute auf, als auch vor und hinter der Bühne.

OV: Was darf bei dir auf Tour auf keinen Fall fehlen?

Mia: Ich reise mit mindestens drei Koffern, leider, weil ich aus irgendeinem Grund jeden Tag super viele Sachen brauch, von Kosmetik über Haarpflege, genug Pyjamas, Putzutensilien, um meiner Keimphobie gerecht zu werden, meinen Proteinshaker und eine Tüte voll Pulver, als auch drei verschiedene Paar Schuhe, weil ich nicht jeden Tag gleich aussehen will. Gut, dass meine Crew mir beim Tragen hilft.

 

OV: Im Juni wirst du unter anderem bei Rock im Park und Rock am Ring spielen und dir die Bühne mit vielen Musiker:innen und Bands teilen. Auf welche Acts freust du dich persönlich? Und mit welchem oder welchen Act(s) würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

Mia: Ich freue mich extrem auf Bring Me The Horizon, Spiritbox und Poppy, alles Artists, die mich auf bei der Arbeit an silber inspiriert haben. Das beantwortet die zweite Frage auch sogleich!

OV: Du sprichst in deinen Videos, z.B. bei TikTok, oft über die Zeit „damals“ im Internet, über Tumblr, Fanfictions etc. Mich würde interessieren, wie du das Internet bzw. Social Media heute speziell als Musikerin erlebst. Für viele ist es Fluch und Segen zugleich; Content Creation öffnet viele Türen und ist eine zusätzliche Chance im Bereich der Selbstvermarktung, raubt aber auch viel Zeit und Energie und hat manchmal nur noch recht wenig mit dem zu tun, was man als Musiker:in eigentlich machen möchte. Ist es bei dir ähnlich, bezüglich „Fluch und Segen“? Oder überwiegt vielleicht eine Seite?

Mia: Es hat für mich schon immer dazugehört, mich im Internet, da’s die naheliegendste Plattform ist und schon immer eine Art Bühne für mich war, zu präsentieren, wie ich gesehen werden will, Texte zu teilen, Fotos, Bilder, Videos. Das hat mir schon immer Spaß gemacht, früher mehr als heute, denn heute kommt es mit einem Leistungsdruck, der bei mir und vielen Kolleg:innen Existenzängste triggert. Wenn ein Kurzvideo für einen neuen Song, das man in mühseliger Arbeit geschnitten und bearbeitet hat, nicht gut performt, also, zu wenige Aufrufe und Likes erhält, dann wirkt sich das ja automatisch negativ auf den Erfolg des Songs aus. Dann hinterfragt man die eigene Kunst, misst ihren Wert plötzlich nur noch daran, wie viele Nummern da unter dem Herzchen stehen. Das ist unglaublich frustrierend. Um Musik wirklich effektiv in Zeiten des Doomscrollens zu promoten, muss man sich ständig neu anpassen, die eigene Sprache geht dabei total verloren. Früher haben Abonnement-Modelle im Internet noch funktioniert, ergo, wer mich abonniert, sieht meine Posts, gibt Feedback in Form von Kommentaren und Herzchen. Heute ist alles von AI und Werbung geflutet, niemand sieht mehr so richtig, was man so teilt, außer man bezahlt dafür. Und wie soll man dafür ständig bezahlen, wenn man aufgrund von des Zustands der sozialen Medien sowieso schon nichts verdient?

OV: Wir leben in turbulenten Zeiten, in denen man manchmal gerne den Pause-Knopf drücken würde. Was hilft dir bzw. was machst du, wenn du abschalten willst und die Welt für einen Moment „vergessen“ möchtest?

Mia: Das habe ich noch nicht herausgefunden, leider. Ich bin nicht sonderlich gut im entspannen.

 

OV: Bitte vervollständige die folgenden Sätze:

- Wenn mein neues Album „silber“ ein Getränk wäre, wäre es: SevenUp.

- Eines meiner absoluten „Comfort-Alben“ ist: amo von Bring Me The Horizon.

- Wenn ich eine mir noch fremde Sprache von jetzt auf gleich perfekt sprechen könnte, wäre es: Japanisch.

- Ein Song, den ich aktuell on repeat höre, ist: highway robbery von DeWayne.

 

OV: Was wünscht du dir für 2025?

Mia: Allen voran immer Gesundheit, dann natürlich, wieder viel zu spielen, mit der bereits bestehenden Gemeinschaft um meine Musik weiter nach vorne zu gehen und neue Leute abzuholen, Spaß zu haben, neue Dinge zu lernen, mal Urlaub machen.

 

OV: Was möchtest du den Leser:innen noch mit auf den Weg geben?

Mia: Der Erhalt der Kultur ist der Erhalt einer denkfähigen, progressiven Gesellschaft.