INTERVIEW: SWEED – "Ab diesem Moment hatte ich dann wirklich alle Zügel selbst in der Hand"

Von Alisa Knoll | 20. März 2025 

Der Musiker SWEED veröffentlicht am 21.03.2025 sein Debütalbum "Bittersweed" über Milkface Records. Das haben wir zum Anlass genommen um vor dem Release mit ihm über Hürden im Entstehungsprozess, den Sound des Albums und Songwriting zu sprechen.

Foto: (c) Stefan Kraupner | @stefan.kraupner
Foto: (c) Stefan Kraupner | @stefan.kraupner

OV: Hey Niklas, schön dich auf diese Weise zu sprechen. Wie geht es dir kurz vor Release? Aufgeregt oder kommt die Aufregung erst, wenn die ersten Hörer:innen-Reaktionen eintreffen?

SWEED: Hi Alisa, mir geht es gut, natürlich ist mir auch irgendwie so leicht mulmig & ich frage mich, warum ich nicht mehr gestresst bin, als ich es bin, aber es geht irgendwie total & ich freu mich einfach darauf das Album zu veröffentlichen, das Release-Konzert zu spielen, am Donnerstag und Freitag im Radio zu Gast zu sein & den Menschen da draußen endlich zu zeigen, was ich da 2 Jahre aufgeschrieben, ausgetüftelt und mit meinen Freunden Mani und Luuk produziert habe. Ich glaube über Streams mache ich mir generell schon länger keine Gedanken mehr, ich freu mich allerdings sehr darauf, mit einzelnen Menschen über einzelne Songs in den Austausch zu gehen, um zu spüren, was sie im Song berührt.

 

OV: Wie war der Album Prozess für dich?

SWEED: Wie eine Kurzzeittherapie, neben meiner Kurzzeittherapie - so, wie ich Mittwochs zu meiner Therapeutin gefahren bin, bin ich jeden Montag ins Funkhaus gefahren, um an den Songs weiter zu arbeiten. Ich hatte vorher nie so einen stark ausgeprägten kreativen Prozess beim Produzieren und Schreiben der Songs & habe mit Mani Orrason, glaube ich, den Arbeitspartner gefunden, den ich in den letzten Jahren immer gesucht hatte bzw. nicht gewusst hatte, dass ich ihn suche, aber dennoch gefunden habe, haha.

Ich bin in den letzten 1 ½ Jahren echt durch viele mentale Baustellen gerast & habe, sowohl mit dem Album-Prozess, als auch mit der Therapie gelernt, besser mit diesen umzugehen und diese zu verarbeiten. BITTERSWEED bedeutet mir deshalb ungemein viel und ich habe jetzt schon Angst davor, was ich nach der Vollendung dieser Kampagne mit mir anfangen soll.


OV: Gab es Hürden für dich im Entstehungsprozess? Wenn ja welche?

SWEED: Die einzige Hürde, die ich hatte, war wahrscheinlich die Finanzielle. Ich hatte mich letztes Jahr von allem getrennt, von dem man sich trennen kann, ob es Management, Label, Verlag oder Booking war. Ich stand erstmal kurz nach zwei Jahren Arbeit mit einem festen Netzwerk ohne alles da. Aber ich hatte immer das intrinsische Gefühl, dass man, oder in dem Fall ich, alles schaffen kann, wenn ich nur alles dafür tue und ich es wirklich will. Ich bin nicht mit reichen Eltern aufgewachsen, oder habe irgendwie Geld auf der hohen Kante, um kurz mal so ein Album und meine Freunde, die mir bei der Umsetzung der Kampagne helfen, zu bezahlen. Deshalb habe ich einen Antrag bei der Initiative Musik gestellt, ohne Partner und einfach versucht dort auszudrücken, was ich erschaffen möchte & ja, god bless, wurde dieser dann auch genehmigt. Ansonsten gab es wenige Hürden. Die Emotionen, die ich letztes Jahr so durchgemacht habe, haben den Prozess wahrscheinlich einfach nur noch mehr befeuert.

 

OV: In welchem Zeitraum circa ist das Album entstanden?

SWEED: Ein paar Skizzen habe ich schon vor rund 2 Jahren gemacht, die anderen kamen 2023 & 2024 dazu, ich glaube das Album hatten wir final im Oktober fertig.

“Keep On Falling” & “Crushing” gibt es zum Beispiel schon seit Juni 2023. “Autumn” habe ich mehr oder weniger auf meiner Reise zum Kilimanjaro geschrieben. “Daydream” nach meiner ersten eigenen Tour, als ich dann wieder komplett alleine zu Hause saß.

Foto: (c) Stefan Kraupner | @stefan.kraupner
Foto: (c) Stefan Kraupner | @stefan.kraupner

OV: Ab welchem Punkt war dir klar, dass du an einem Album schreibst/dass es jetzt ein Album wird?

SWEED: Ich glaube, ab dem Moment, als mein altes Label und ich mich getrennt hatten. Ab diesem Moment hatte ich dann wirklich alle Zügel selbst in der Hand & ich dachte mir, wenn das das Letzte ist, was ich mache, dann ist es ein Album. Nicht, dass mir mein altes Label jemals was ausgeredet hat oder ich nicht machen durfte, was ich will, aber irgendwie wurde es mir durch die Trennung klarer, was ICH machen möchte.

 

OV: Wie bist du an das Songwriting rangegangen?

SWEED: Puh, ganz unterschiedlich. Ich glaube, das ist schwierig zu verallgemeinern. So wie ich es oben schon beschrieben hatte, sind die Songs aus dem Nichts zu Hause entstanden im Notizbuch, auf einer Reise, oder beim rumjammen im Studio.


OV: Wer sind deine größten Kritiker:innen, auf deren Meinung du viel Wert legst?

SWEED: Ich glaube dadurch, dass ich die meisten Dinge mittlerweile alleine mache, plane & konzipiere & die Songs vorher nicht mehr so vielen Leuten zeige, habe ich irgendwie nicht mehr so viel Kritik erlebt. Aber ich muss ehrlich sagen, so egoistisch wie das klingen mag, mache ich zumindest noch die Musik in aller erster Linie erstmal für mich, um Dinge zu verarbeiten und kreativ zu sein. Da ist es mir vielleicht auch erstmal egal, ob jemand im C-Part doch vielleicht ne andere Note gespielt hätte, ups.

 

OV: Für welchen Moment eignet sich das Album perfekt?

SWEED: Das Album ist sehr durchtrieben. Ich denke deshalb ist es sowohl für den regnerischen Tag in der verspäteten Deutschen Bahn mit dem Kopf am Fenster gelehnt, als auch für die Autofahrt zum Sonnenuntergang mitten im Sommer. Für den Frühlingsanfang, wenn die Vögel anfangen zu singen und genauso für den einsamen Winter.


Woher kommen die Ideen und Inspos für deine Musikvideos und das Artwork?

SWEED: Alle, die mich kennen & dieses Interview lesen, wissen schon ganz genau, was kommt. Aber ganz klar Dominic Fike & sein Album “Sunburn”. Das ist genauso ein Album für mich, was ich immer hören kann, egal zu welcher Jahreszeit & egal zu welcher Stimmung. Ein weiterer Künstler, der mich sehr inspiriert hat, war Bennett Coast & ein paar Einflüsse haben wir auch sicher von Teezo Touchdown.

 

OV: Warum sollte man unbedingt in deine Musik reinhören?

SWEED: Ich glaube, wenn man nach Ehrlichkeit, keinem Verstecken & einem klaren Umgang mit seinen Problemen, seiner Vergangenheit, seinen verrückten Gedanken etc. sucht und zu dem stehen möchte, was und wer man ist, ist man hier auf jeden Fall richtig. Aber wir wissen alle auch, dass sich der SWEED-Sound super zum Autofahren anbietet, haha.

 

OV: Beende bitte folgende Sätze:

 

Wenn ich gerade keine Musik mache,
... manage ich mich selber, sowohl privat, als auch in der Musik & suche ein Blumenfeld.

 

Ich bin ziemlich gut in ...
... Menschen-Zusammenbringen.

 

BITTERSWEED klingt nach ...
... einem inneren Blumenpflücken und gleichzeitig nach einem Kampf mit sich selbst, welchen man am Ende gewinnt.